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Berufsbilder / Redaktionelle Beiträge

Wenn der Schmerz tief sitzt ...

Ein Beitrag von Gitte Härter

 

Manchmal ist in der aktuellen oder früheren Stelle etwas vorgefallen, das einen tief verunsichert oder verletzt hat:

o Man kam mit Kollegen nicht zurecht,
o ständig wurde an einem rumgekrittelt, so dass man schon selbst nicht mehr recht weiß, ob und was man überhaupt kann,
o plötzlich hat man die Gunst des Chefs verloren,
o man fühlte sich ungerecht beurteilt/völlig verkannt,
o man wurde gekündigt
o ...

Die Gründe für Verletzungen im Beruf sind zahlreich - und immer individuell. Tief sitzender Schmerz oder Enttäuschungen trägt man oft lange mit sich herum, und sie zeigen sich beim kleinsten Anlass sehr deutlich.
Das Dumme ist, dass man sich dadurch anderen und sich selbst gegenüber schnell unfair verhält. Oder bei Bewerbungen ungeschickt (re)agiert oder gar die Fassung verliert.



Die Emotionen kochen hoch

In vielen Gesprächen mit Bewerbern habe ich erfahren, wie stark der Einfluss von früheren Verletzungen sein kann.
Die Reaktion ist dann ähnlich schnell und unkontrollierbar wie überkochende Milch: Zunächst sieht alles ganz normal aus und plötzlich steigt und steigt der Pegel, bis die Milch in Sekundenschnelle übergekocht ist.

Das mag eine seltsame Analogie sein - ich habe sie jedoch ganz bewusst gewählt. Denn wenn man nur an der Oberfläche so tut, als sei alles im Butter, verliert man ganz schnell die Fassung, wenn die richtigen Stichworte fallen.

So habe ich auf Messen schon sehr häufig Infogespräche mit Bewerbern geführt, denen bei bestimmten Fragen plötzlich die Tränen in den Augen standen oder die barsch und wütend reagierten - was ihnen oft gar nicht so bewusst war. Denn selbst versucht man ja, derlei Reaktionen zu vertuschen. Und denkt oft, dass es einem gelingt, obwohl in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall ist.



Das Alte aktiv abschließen

Damit Sie bei Ihren Bewerbungen überzeugen - und auch bei einer Einstellung in einem neuen Unternehmen einen guten Start hinlegen, ist es essenziell, dass Sie mit dem Alten aktiv abschließen. Ich weiß, dass das leicht gesagt ist.

Ich habe am eigenen Leib erlebt, dass ich noch über ein Jahr nach meinem Weggang von einer Firma auf bestimmte Themen sehr emotional reagiert habe: Da regt man sich automatisch über Dinge auf, die längst der Vergangenheit angehören. Eine gute Freundin von mir leidet heute noch drunter, wie unschön eine Trennung bei einer früheren Firma abgelaufen ist - dabei ist das schon fünf Jahre her: Man hat sich über viele Jahre gut verstanden und eng zusammengearbeitet, war loyal, ging durch dick und dünn - und dann gibt's ein hässliches Auseinandergehen, das vollends zum Bruch führt.

Unmittelbar nach einer Verletzung sind der Schmerz, die Unsicherheit und die Verwirrung - oder auch die Wut! - am größten, denn alles ist noch frisch. Wenn man sich damit jedoch nicht aktiv auseinander setzt, bewusst damit umgeht und einen Schlussstrich ziehen kann, dann hält man die Wunden frisch.


Was können Sie also konkret tun?


1. Bitte differenzieren!

Führen Sie sich bitte ganz nüchtern vor Augen, dass Ihre Erfahrungen eine ganz bestimmte Situation, Personen und spezifischen Lebensabschnitt betreffen.
Sonst tappen Sie in die Pauschalisierungsfalle - und das hat immer unschöne Konsequenzen.

Pauschalisierungsfalle heißt, einzelne Erfahrungen als allgemein gültig zu speichern und entsprechend zu handeln.
Ein Beispiel dazu aus einem anderen Bereich, welches das gut illustriert. Manche Supermärkte begrüßen ihre Kunden bereits an der Tür mit Aufklebern und Riesenschildern: Ladendiebstahl wird angezeigt, an der Kasse muss unaufgefordert die Tasche geöffnet werden etc. - Nur weil hin und wieder etwas gestohlen wird, geht man dazu über, alle Kunden als potenzielle Diebe anzusehen. Dabei ist es ein kleiner Bruchteil von Personen, die vorsätzlich etwas entwenden.

Bei Bewerbungen ist es genauso: Angenommen Sie hatten in Ihrer früheren Stelle überhaupt keine Freizeit mehr - ständig mussten Sie Überstunden machen, die nicht bezahlt, geschweige denn anerkannt wurden. Sie sind richtiggehend ausgebrannt und haben einen Hass darauf, dass man Sie in der alten Firma regelrecht ausgebeutet hat.
Nun sitzen Sie im Bewerbungsgespräch und der Personaler fragt: "Wie stehen Sie zu Überstunden?"

Wer in der Pauschalisierungsfalle sitzt - und die vergangene Erfahrung noch nicht für sich abgeschlossen hat, der wird wahrscheinlich extrem reagieren: Denn nun wird unterstellt, dass es in der neuen Firma genauso ablaufen wird und hier Überstunden "ganz normal" sind. Vielleicht zeigt sich das offen im Gepräch, durch eine schnippische Bemerkung oder in einer aggressiven Rückfrage. Vielleicht ziehen Sie sich aber auch innerlich aus der Bewerbung zurück und beschließen, dieser Firma abzusagen.

Unfair - für beide Seiten.

Deshalb: Konkretisieren Sie Ihre unguten Erfahrungen. Und führen Sie sich aktiv vor Augen, dass diese Situation in all ihren Facetten eine einmalige, beendete Angelegenheit ist (siehe auch die nächsten Tipps!).



2. Dem Schmerz in die Augen sehen

Ein Universalwerkzeug dafür, mit Situationen besser zurechtzukommen ist zu konkretisieren. Also es nicht dabei zu belassen, dass man "verletzt", "unfair behandelt", "angepisst", "enttäuscht" ist oder dass "mein Chef ein Arsch war" etc. - sondern wirklich einmal in Worte zu fassen, was Sache war und ist.

Am besten ist es, das schriftlich zu machen. Das fällt nicht immer leicht. Und ist möglicherweise mit Tränen verbunden, weil Sie es möglicherweise bisher vermieden haben, an die für sie negativen Vorkommnisse zu denken. Sie werden aber auch sehen, wie befreiend es ist, sich dem Schmerz zu stellen.

Schreiben Sie darum alles auf (unsortiert und unzensiert), was Ihnen in den Sinn kommt:

o Was genau hat mich in der alten Stelle verletzt?
o Wer?
o Womit?
o Was sind Beispiele dafür?

o Wie kam ich mir jeweils vor - generell oder in bestimmten Situationen?

o Wie bin ich selbst vorgegangen: Wie ging's mir, wie habe ich mich verhalten (innerlich/äußerlich)?

o Bin ich vielleicht auch unzufrieden oder sauer auf mich selbst? Inwiefern?

Denken Sie nicht in "gut/schlecht" oder "Lösungen", sondern lassen Sie alles einfach einmal ungehindert raus.

Übrigens ist es wirklich sehr hilfreich, das für sich selbst schriftlich zu machen und nicht einfach mit Freunden darüber zu sprechen. Diese sind meist parteiisch (in die eine oder andere Richtung) oder halten sich mit Kommentaren zurück, weil sie denken, es könnte Sie zusätzlich belasten.

Alleine das Konkretisieren öffnet zunächst "die Schleusen" und bringt große Erleichterung. Und es hilft Ihnen wiederum, um besser zu differenzieren und daraus zu lernen.



3. "Was lernen wir daraus?"

Die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, hatten neben Wut und Enttäuschung auf andere auch gehörig an ihrem eigenen Verhalten zu knabbern: Häufig, weil sie nicht wirklich etwas dazu getan hatten, um die ungute Situation aktiv zu beeinflussen. Also beispielsweise den Rückzug angetreten haben, anstatt ein Gespräch zu suchen. Oder ständig zugelassen haben, dass andere ihre Grenzen überschritten, anstatt auch einmal Nein zu sagen und den anderen dadurch erstmal die Möglichkeit zu geben, etwas zu verändern.

Ich habe mir angewöhnt, mich nach unschönen Erlebnissen zu fragen: "Was lernen wir daraus?" - Das ist übrigens kein pluralis majestatis, sondern ich beziehe damit andere Leute mit ein. Entweder solche, die dabei waren. Oder aber die, denen ich hinterher davon berichtet habe.

Die Frage ist völlig pauschal gemeint, man kann sie witzig auffassen - aber dennoch ernsthaft beantworten (hilft übrigens auch generell in Alltagssituationen): Das Ziel ist, nicht nur die offensichtliche "Lehre" zu entdecken, sondern so viele Alternativen, wie einem einfallen. Dadurch öffnet man sich auch dafür, konstruktiver mit Situationen umzugehen.

Wichtig ist hier auch immer den Eigenanteil zu sehen: Was habe ich beigetragen? Wie habe ich mich verhalten? Was würde ich im Rückblick anders machen? Warum? Was kann ich dafür tun, dass ich nächstes Mal so (re)agiere, wie ich es für besser halte?



4. Üben Sie es, über heikle Themen zu sprechen

Nehmen Sie sich Ihre Liste vor, in der Sie aufgeschlüsselt haben, was Sie emotional reagieren lässt. Filtern Sie die Themen heraus, die heikel für Sie sind.

Anhand dieser Bereiche können Sie sich dann überlegen, was für Ihre Bewerbung relevant ist (im Anschreiben oder auch im Bewerbungsgespräch) - und in welcher Form die für Sie heiklen Themen auftauchen können.

Tipp: Prüfen Sie dann gleich mal Ihre Stellenauswahl und Ihr Anschreiben: Oft wirken sich Verletzungen nämlich ganz unbewusst auf unser Verhalten aus. So kann es sein, dass Sie bestimmte Stellenanzeigen bisher links liegen gelassen haben, weil Sie etwas darin mit der negativen früheren Erfahrung in Verbindung gebracht haben. Oder auch, was häufig passiert, dass schon das Bewerbungsschreiben in gewissen Aspekten anklagend oder defensiv ist.


Üben Sie es auch, laut über heikle Themen zu sprechen.
Gerade im Gespräch passiert es, dass man entweder sehr einsilbig wird oder recht ausladend über frühere Aspekte berichtet. Und darüber völlig vergisst, dass das Bewerbungsgespräch dazu da ist, dass SIE sich vorstellen und nicht, dass plötzlich intensiv über die alte FIRMA gesprochen wird - was eventuell auch noch negativ wird und sich damit ungut für Sie selbst auswirken kann.

Tipp: Holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie alleine nicht weiterkommen. Das kann eine Person in Ihrem Bekanntenkreis sein, von der Sie wissen, dass sie offen ist und nicht Partei ergreift. Es kann ein Coach sein. Oder auch ein Therapeut.

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Über die Autorin:

(c) Gitte Härter
eMail: objektiv@selbstmarketing.de

Gitte Härter war selbst Führungskraft und viele Jahre Coach und
Trainerin. Außerdem hat sie über zwei Dutzend Ratgeber
veröffentlicht: http://www.schreibnudel.de .

Gemeinsam mit Christine Öttl hat sie unter anderem
Bewerbungsratgeber veröffentlicht.

Schriftliche Bewerbung: Mit Profil zum Erfolg. Anschreiben
perfekt formuliert. Vom Kurz-Profil bis zur Online-Bewerbung. Mit
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Link zum Buch:
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